Tomaso Kemeny ist eine herausragende Persönlichkeit der zeitgenössischen italienischen Poesie. Er arbeitet seit einem halben Jahrhundert als Dichter, Literaturhistoriker und literarischer Übersetzer. Er hat Dutzende von Büchern veröffentlicht, und sein Werk ist vielfältig und doch kohärent: Neben seinen Kenntnissen der italienischen und angelsächsischen (insbesondere der britischen) Poesie hat er mit seinen Arbeiten auf dem Gebiet der Ästhetik und der Literaturkritik zur Gestaltung des internationalen literarischen Lebens beigetragen. Er ist ein anerkannter Interpret der ungarischen Poesie in der italienischen Literatur: seine Übersetzungen von Attila József und Ady eröffneten einen neuen Weg in der Rezeption der ungarischen Poesie in Italien, aber er hat auch viele andere ungarische Dichter, vor allem des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, in Italien populär gemacht.
Als Anglist leitete er jahrzehntelang die englische Abteilung der Universität Pavia, seine Veröffentlichungen in der Anglistik konzentrierten sich auf die Romantik, und als literarischer Übersetzer ist er unter anderem für die Veröffentlichung ausgewählter Werke Byrons bekannt.
Da Kemeny in Ungarn geboren wurde und bereits zehn Jahre alt war, als er mit seinen Eltern seine Heimat verlassen musste, waren die Auswirkungen seiner Sozialisierung und Akkulturation in Italien zunächst in seiner poetischen Sprache und in seiner Mythisierung der Donau zu spüren. Im Laufe seines Lebenswerkes nahm dies jedoch eine immer bewusstere Form an: in einem groß angelegten Programm der poetischen Rückgewinnung der verlorenen ungarischen Identität, wofür sein großes Werk „La Transilvania liberata“ (2005) und sein Langgedicht „Scintilla d’oro a Castiglione Olona“ (2005) beispielhaft sind. Die Wiedererlangung ist nicht in erster Linie thematisch – die ungarischen thematischen Schichten sind Teil eines komplexen Netzwerks italienischer, europäischer und universeller Elemente – sondern eher sprachlich-strukturell in der poetischen Vorstellung.
Endre Szkárosi